Klaus Groth über seine Familie


Als meine Brüder mit mir heranwuchsen, war am Vatertische ein lebhafter und humoristischer Verkehr. Es ging nicht leicht ein Mittag ohne Gelächter hin. Denn alle verstanden zu beobachten und zu erzählen, besonders der ältere, „min Jehann“.*

Diesen Bruder liebte ich vor allen mit wahrhafter Leidenschaft, und die Liebe hat angedauert durch alle Wechsel des Lebens. Wenn ich in den Ferien zu Hause war, so sprachen wir tagelang bis tief in die Nacht. Er hat an meinem Krankenbette gesessen, jeden Abend, bis er merkte, dass ich entschlummert war. Aber dafür hat auch sein Bild mich umschwebt, ist in meine Träume getreten, hat mich zu Tränen der Sehnsucht gerührt, hat mich manchmal gezwungen, in Gedichten meine Erregung zum Maß, zu Form und Ruhe zu bringen.**


Ich bin geboren in Heide, dem Hauptflecken der Nordhälfte des Ländchens Dithmarschen. Meine Vorfahren sind von uralt freie Dithmarscher Bauern gewesen; ich vermute, dass ein Urahn wegen seiner Körpergröße einmal unseren Namen Groth (der Große) erhalten hat.
Mein Vater hatte einen kleinen Landbesitz, worauf wir gegen 10 Stück Kühe und Jungvieh weideten. Eigentlich hatte er das Müller- und Zimmerhandwerk gelernt, kam aber heim und fasste seines Vaters Besitz an, als seine Mutter starb. Erst später kaufte er eine Windmühle, die, aus unserm Fenster sichtlich, einige hundert Schritte von unserm Hause ihm immer ins Auge gestochen. Bis dahin trieb er aus dem Hause den Verkauf von Mehl und Grütze. Es herrschte eine gewisse Wohlhabenheit und gänzliche Unabhängigkeit bei uns. Wir hatten Uberfluss am schönsten Mehl, Milch, Butter, Fleisch und Gemüse und lebten fröhlich dabei.***


Mein Obbe (Großvater) wiegte mich, seinen erstgeborenen Enkel, auf den Knien; er hielt mir seine große silberne Taschenuhr ans Ohr, die noch hier vor meiner Schreibmappe glänzt als Andenken an den teuren Alten. Großvater lehrte mich lesen, schreiben, rechnen, so früh, dass ich die Anfänge nicht erinnere. Großvater erzählte mir beim Heuen oder beim Torf von Odysseus, Homer, Sokrates, Alexander, von Napoleon, von den Kämpfen der alten Dithmarscher, deren Schlachtfelder wir rund um uns sahen.****


Meine Mutter war eine hübsche, rasche Frau; mehr noch als sie wirkte meines Vaters Schwester auf mich, eine große, schöne, sanfte Gestalt. Sie beschützte mich gegen des Vaters härtere Weise.*****


Strafe bekam ich freilich auch von ihm nie. Aber sein Blick und seine Vorwürfe waren mir schon schrecklich. Und wieder, wenn ich ihn mir vorstelle, wie er in seiner Mühle in der Tür lehnte, am Abend über den stillen Ort sah, so kenne ich kaum ein Bild größerer Ruhe und stilleren Friedens als diese markige Mannesgestalt mit den wunderbaren blauen Augen.
Er war in der ganzen Nachbarschaft der Rater und Helfer; außer Arzt und Prediger wurde Hartwig Groth zu jedem Sterbenden geholt. Er war nicht etwa ein Mann, der Mittelchen wusste oder religiösen Trost spendete. Er wirkte nur durch seine kraftvolle, ernste, ruhige Gegenwart. Ich habe ihn selbst am Krankenbette des Großvaters gesehen, wo er neun Wochen nicht aus den Kleidern kam, immer ruhig dabei aussah, alles tat mit geschickter Hand, was nur eine Wartefrau vermag. Und als der Obbe heimgegangen war, kam er nachts an mein Fenster (ich war nicht mehr zu Haus), klopfte an, und noch klingt mir seine ernste, ruhige Stimme: „Grotvadder is nu dot". Gottlob, er selber lebt noch, um zu sehen, dass er sich nicht getäuscht, als er mich 10 Jahre um einen Preis ringen sah, den ich nur halb, er gar nicht kannte. Nie habe ich eine Ermahnung von ihm bekommen, nie einen Zweifel gehört.******
Ich erinnere, dass er einmal lachend sagte, die Leute hätten ihn auf dem Markt gefragt, was ich eigentlich mache und vorhätte; er habe geantwortet, darnach möchten sie mich selbst fragen, er verstände es nicht.******