Klaus Groth und die Dithmarscher Mundart 2:
Doppelselbstlaute (Diphthonge) in Dithmarschen

(Thema des Tages vom 26.01.2020)



Dithmarschen 1898 mit jüm/ju-Grenze

1901, also zwei Jahre nach dem Tod von Klaus Groth wurde an der Universität Kiel eine Dissertation abgeschlossen, die den Vokalismus des Dorfes Wesseln in Dithmarschen untersucht: Hugo Kohbrok: Der Lautstand des žym-Gebiets in Dithmarschen (1901), online: ub.uni-kiel.de (Der Wortschatz der Arbeit ist jetzt in „niederdeutsche-literatur.de" aufgenommen.)

Wesseln grenzt direkt an Heide, den Geburtsort von Klaus Groth. Also nicht nur zeitlich, sondern auch geographisch ist ein unmittelbarer Vergleich mit Klaus Groth möglich.

Dithmarschen war jahrhundertelang geografisch abgelegen und auf dem Landweg von Mittelholstein nur über einen schmalen Geestrücken erreichbar. Es ist auch in seiner Mundart abgeschieden. Es gibt im Wortschatz viele Besonderheiten. Allerdings kein Wort, das in Dithmarschen überall bekannt ist und dafür nicht in Holstein. Am deutlichsten hebt das Personalpronomen „jüm“ (2. Person Plural) sich vom holsteinischen „ju“ ab. Es heißt aber im südlichsten Dithmarschen ebenfalls „ju“.

Eine Besonderheit, die die Dithmarscher Mundart von der Mittelholsteins dagegen klar abgrenzt, gibt es jedoch: Es ist der Vokalismus. „Der Holsteiner wirft dem Di[thmarscher] eine ʼbreiteʼ Aussprache vor, die in der schlaffen Zungenartikulation ihren Grund hat und insbesondere in der Diphthongierung - der in Holstein erhaltenen – a[lt]s[ächsischen] â und ô zu ei und ɒu (Umlaut oi) zum Ausdruck kommt.“ (Kohbrok, S. 2, Hervorhebung von mir)
Also: Wo in Holstein Vokale rein sind, sind sie in Dithmarschen oft Doppellaute aus zwei verschiedenen Vokalen. Die Diphthongierung ist keine zu vernachlässigende „Unart“, sondern konstitutiv für das Dithmarscher Platt im Vergleich zum Mittelholsteinischen!

Einige Beispiele von Klaus Groth im Vergleich mit dem Dithmarscher Plattdeutsch (und Link zum „Wörterbuch Dithmarschen" mit weiteren Informationen):


o [o:] ou / au [ou, au]
hochdeutschKlaus GrothKohbrok [IPA]aussprachenahSassWB
BaumBombɒum [bəum]Boum, BaumBoom 〉〉〉〉
BrotBrot brɒud [brəud]Brout, BrautBrot〉〉〉〉
totdotdoud [doud]dout, dautdoot〉〉〉〉
TraumDromdrɒum [drəum]Droum, DraumDroom〉〉〉〉
hochhochhɒuχ [həux]houch, hauchhooch〉〉〉〉
KnopfKnobknɒub [knəub]Knoup, KnaupKnoop〉〉〉〉
laufenlopenlɒubm̥ [ləubm]loupen, laupenlopen〉〉〉〉
AugeOgɒũχ[əux]Oug, AugOog〉〉〉〉
zutotɒu [təu]tou, tauto〉〉〉〉
tundondɒun [dəun]doun, daundoon〉〉〉〉

Anm.: Kohbrok schreibt in einer Vorform der Lautschrift Teuthonista 〉〉〉〉.
Der erste Selbstlaut schwankt in den Quellen zwischen [o] (Burg 2013, Neuber), [ə] (Wesseln) und [a] (Bull).
Zu "aussprachenahe Schreibung": Es wird hier eine Schreibung angelehnt an Sass versucht (dazu im Teil 4 mehr).


ö [ø:] - eu/äu [oy]
hochdeutschKlaus GrothKohbrok [IPA]aussprachenahSassWB
träumendrömendroĩm [droym]dreumen, dräumendrömen〉〉〉〉〉
trockendrögdroĩx [droyç]dreugdröög〉〉〉〉
BucheBökboig [boyg]BeukBöök〉〉〉〉
BlumenBlömbloĩm [bloym]BleumBlööm -
müdeföhlenfoil̥n [foyln]feuhlenföhlen〉〉〉〉
fluchenflökenfloigꬻ [floygn]fleukenflöken〉〉〉〉
fluchenmödmoĩd [moyd]meudmööd〉〉〉〉
süsssötʃoid [zoyd]seut sööt〉〉〉〉
nennennömennoĩm [noym]neumennömen〉〉〉〉
rauchensmökensmoigꬻ [smoygn]smeukensmöken 〉〉〉〉



ee/eh [e:] - ai/ei [ai/ei]
hochdeutschKlaus GrothKohbrok [IPA]aussprachenahSassWB
TeilDeeldeil [deil]DeilDeel〉〉〉〉
BierBeerbeiɑ [beiɐ]BeirBeer〉〉〉〉
KnieKneeknei [knei]KneiKnee〉〉〉〉
LehmLehmLeim [leim]LeihmLehm〉〉〉〉
SteinSteenstein [stein]SteinSteen〉〉〉〉
sehensehnʃein [zein]seihnsehn〉〉〉〉
weichweekweig [veig]]weikweek〉〉〉〉
BriefBreefbreif [breif]Breif Breef〉〉〉〉
KäseKeeskeīs [kei:s]KeisKees〉〉〉〉
fliegenflegenfleĩꬻ [flei:ŋ]fleigenflegen〉〉〉〉